3.3.2018 Leipzig

Redebeitrag der ehemaligen Sexarbeiterin Anna und der Gruppe „FAC“
SEX WORK IS WORK“

Ich bin gelernte Schweißerin, gut vermittelbar, Arbeitsplatzangebote ohne Ende. Und dennoch entschied ich mich, mein klaffendes Finanzloch durch Sexarbeit zu füllen. Der Gedanke war für mich weitaus erträglicher, diversen sexuellen Neigungen einen Raum zu geben und Erfüllungsgehilfin zu sein, als im Schichtbetrieb zu einer unglücklichen working class hero auf der feierabendlichen Couch zu enden.

Meine Arbeit lehrte mich vieles. Brachte mich in Kontakt mit Menschen, die sich alle innerhalb eines tabuisierten Komplexes – dem Sex – bewegten und aus unterschiedlichsten Ambitionen zusammen kamen. Gemein haben diese Menschen, dass sie ein Outing befürchten müssen. Sexarbeiter*innen haben zusätzlich das Risiko eines gesellschaftlichen Ausschlusses aufgrund ihrer Tätigkeit.

Hure! Dies ist nicht nur eine Berufsbezeichnung. Menschen in der Sexarbeit wird allein durch ihre Tätigkeit eine Identität zugeschrieben. Diese Identität ist gleichzeitig ein Stigma, dem alle Frauen* unterliegen: Heilige ODER Hure.

Was bedeutet dieses Stigma in Bezug auf Lohnarbeit? Frauen* wird abgesprochen, selbstbestimmt eine Arbeit zu tun. Ihnen wird abgesprochen, Kontrolle über diese Arbeit zu haben. Ihnen wird abgesprochen, eigene Grenzen achten zu können. Ihnen wird abgesprochen, keine Opfer zu sein. Ihnen wird abgesprochen, solidarisch anderen Frauen* gegenüber zu sein. Huren wird abgesprochen, Feminist*innen zu sein.

Der gesellschaftliche Backlash macht auch vor der Sexarbeit kein Halt. Das Prostituiertenschutzgesetz zwingt sex worker zur Gesundheitsberatung. Zum Mitführen eines Ausweises mit Lichtbild. Einkünfte müssen offen gelegt werden und Steuern gezahlt werden. Auch die Zwangsberatung müssen Sexarbeiter*innen selbst zahlen. Sie sollen Teil der gesellschaftlichen Lohnarbeit sein. Ihr Stigma jedoch, damit müsse man in diesem Job leben, so ein CDU-Abgeordneter der das Gesetz mit entworfen hat.

Was bedeutet dieses Stigma in der Realität? Die Angst, dass der sogenannte Hurenpass beim Abholen der Kinder von der Kita aus der Tasche rutscht. Die Befürchtung, persönliche Daten der Anmeldung sickern zum Chef der hauptberuflichen Tätigkeit. Die Unsicherheit, dass die Sexarbeit dazu führt, das Sorgerecht für die Kinder zu verlieren. Die Sorge, dass der/die neue Partner*in den Hurenpass findet.

Sexarbeit muss einen Raum finden in feministischen und linken Kreisen. Sex work muss sichtbar sein dürfen. Sexarbeit ist Lohnarbeit und unterliegt selbstverständlich Zwangskontexten im Sinne eines kapitalistischen und partriarchalen Systems. Diese Zwangskontexte können besonders innerhalb der Sexarbeit, mit ihrem breiten Spektrum an verschiedenen Arbeits- und Lebensrealitäten, erhebliche Ausmaße annehmen. Diese gilt es zu bekämpfen. Denn Sexarbeit soll selbstbestimmt und autonom sein, ein selbstgewähltes Angebotsrepertoire beinhalten und ein schützendes Netzwerk bereithalten. Es muss über Sexismus in der Sexarbeit gesprochen werden. Es muss über Rassismus in der Sexarbeit gesprochen werden.

Die Rechte von Sexarbeiter*innen müssen im Sinne von Arbeitskampf gestärkt werden, Positionen und Forderungen supportet und sex worker in öffentliche Diskussionen einbezogen und gehört werden. WIR SIND NICHT NUR EINE GEISTENTLEERTE KÖRPERHÜLLE! Sex work, das ist eine Tätigkeit, um die Miete zu zahlen, um finanziell unabhängig zu sein, um halbtags zu arbeiten, um sich zu empowern. Gewalt und Missbrauch sind keine Sexarbeit.

Feminismus muss über Sex reden. Und Arbeit. Sex work is work!

Redebetrag der Gruppe „fat acceptance“

Liebe Menschen,

Wir kämpfen, während andere feiern, so zum Beispiel die Leipziger Faschingsvereine. So feiern sie jedes Jahr aufs Neue ihr Recht auf Fasching und vermeintliche „Satire“. Dabei werden diskriminierende Handlungen unter dem Deckmantel Satire verschleiert. Der Medi-Elferrat ist eine Gruppe Medizinstudierender, die regelmäßig Faschingsveranstaltungen organisieren. Auch diese Faschingssaison blieb keine Ausnahme. Im November 2017 organisierte der Medi-Elferrat eine zweitägige Faschingsfeier mit dem Namen „Volkskrankheit: Assiposititas“. Die Wortneuschöpfung Assipositas ist dabei eine Verquickung von zwei Faktoren: Dicksein und Armut. Trotz eines kritischen Briefes anderer Medizinstudierender hielt der Medi-Elferrat an seinem Vorhaben fest mit der fadenscheinigen Begründung von Satire und Kunstfreiheit. Keine der angehenden Ärzt*innen stören die kritische Anmerkungen. Perspektivisch werden diese Menschen in ihrer medizinischen Tätigkeiten sehr wohl mit zum einen armen und zum anderen dicken Menschen zu tun haben werden. Die Menschen, über die sie sich lustig machen, sind nicht nur vermeintlich entfernte Identitäten, sondern leben und studieren auch mit ihnen. Unverständlich ist auch die unreflektierte Verwendung des Begriffs der Asozialität. Schaut man sich den historischen Kontext der Nutzung des Wortes an, zeigt sich schnell die Nähe zu deutschen Diktaturen. Zum einen die gezielte Verwendung von Asozialität als Kennzeichnung in Konzentrations- und Arbeitslagern des Naziregimes. Zum anderen die stigmatisierende Verwendung des Begriffs im DDR-Regime. Hierbei bleibt nicht nur die historische Dimension unbeachtet, sondern auch soziale Komponenten im Sinne einer gesellschaftlichen Isolation. Studien beweisen immer wieder, dass die Stigmatisierung von dicken Menschen tiefgreifende negative Auswirkungen auf ihren Alltag hat. So wird knapp die Hälfte aller dicken Menschen auf dem Wohn- und Arbeitsmarkt in Deutschland diskriminiert. Besonders kritisch wirkt sich die Diskriminierung im Gesundheitssektor aus. Dicke Menschen nehmen aus Angst vor weiterer Bloßstellung weniger an Vorsorgeuntersuchungen teil. Besuche bei Ärzt*innen werden schnell zu Spießrutenläufen, da sich noch immer auf den veralteten Parameter BMI berufen wird und somit sogenanntes Übergewicht diagnostiziert wird. Dies wirkt sich natürlich negativ auf das Wohlbefinden dicker Menschen in unserer Gesellschaft aus, schränkt ihre gesellschaftliche Partizipation ein und führt dazu, dass Krankheiten unabhängig ihres Dickseins oft gar nicht oder zu spät erkannt werden. Dies ist absolut inakzeptabel. Jeder Mensch hat das Recht auf umfassende Gesundheitsvorsorge, egal welche Körperform, sozialer Status, race, Geschlechtsidentität, Begehren. Denn Stigmatisierung von dicken Menschen kann nicht einseitig betrachtet werden, sondern muss intersektional verhandelt werden. So haben gender, race, Armut und weitere Faktoren einen großen Einfluss auf die Auswirkung der Diskriminierungsmechanismen, die immer mitgedacht werden müssen. Immer wieder sind die sogenannten „satirisch-kabarettistischen Kulturbeiträge“ der Faschingsvereine voll von diskriminierenden Darstellungen. Es ist weiterhin erschreckend, dass Studierende unreflektiert der gesellschaftlichen Verkreuzung von Dicksein und Armut gegenüberstehen. Veranstaltungen wie diese vereint nicht nur eine enorme Fettfeindlichkeit und Klassismus, sondern auch Rassismus und Sexismus sind stets präsent. Dies ist ein Angriff auf alle von der gesellschaftlichen Norm abweichenden Lebensweisen.Wir rufen dazu auf, unaufhörlich über diese Diskriminierungsformen zu reden, sie bewusst zu machen und zu bekämpfen!

Redebeitrag zum Paragraph 218

Jedes Jahr werden weltweit über 40 Millionen Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt. Allein in Deutschland entscheiden sich 43% der ungewollt schwangeren Frauen* für einen Abbruch.

Doch bereits 1871 wurde der Paragraph 218 unter Otto von Bismarck in das Strafgesetzbuch aufgenommen. Selbst nach der Neuregelung vom 1.Oktober 1995 werden Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland weiterhin als Straftatbestand angesehen und sind somit faktisch illegal. Abbrüche werden grundsätzlich mit einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit einer Geldstrafe geahndet. Ebenso der Versuch einer Abtreibung ist strafrechtlich relevant. Nur unter bestimmten Voraussetzungen und weiteren Hürden, welche im Absatz a verankert sind, können diese straffrei von statten gehen.

Frauen*, die einen Schwangerschaftsabbruch durchführen lassen, werden somit nicht nur von der Gesellschaft abgewertet und stigmatisiert, sondern erfahren zusätzlich durch den Staat eine strafrechtliche Verfolgung. Den Umstand der ungewollten Schwangerschaft können betroffene Frauen* somit auf der einen Seite als Wertkonflikt, auf der anderen Seite als Macht- bzw. Informationskonflikt wahrnehmen. Der Wertkonflikt äußert sich häufig durch das Zusammenspiel von eigenen Bedürfnissen und Lebensvorstellungen sowie gesellschaftlichen Erwartungen. Der Macht- und Informationskonflikt hingegen wird durch Pflichtberatungen, Wartezeiten und unzureichenden Informationen zum Abbruch deutlich sichtbar.

In diesem Zusammenhang steht der Paragraph 219 StGB: Beratung der Schwangeren in einer Not- und Konfliktlage. Diese Beratung ist vom Staat als Pflicht vorgeschrieben und dient als Voraussetzung, wenn ein Abbruch innerhalb der ersten 12 Schwangerschaftswochen erfolgen soll. Hauptaugenmerk liegt hierbei unmissverständlich auf dem Schutz des ungeborenen Lebens und der Ermutigung, dass Frauen* ihre Schwangerschaft fortführen sollen.

Das aktuelle Beispiel der Gießener Gynäkologin Kristina Hänel zeigt die Tragweite des Paragraphen 219a StGB. Sie wurde zu einer Geldstrafe verurteilt, da sie auf ihrer Homepage lediglich über Schwangerschaftsabbrüche als Leistung informierte.

Durch die Paragraphen 218 und 219 StGB werden Frauen* kriminalisiert und in ihrer Autonomie sowie in ihren Rechten beraubt.

Es ist zwingend notwendig, dass Frauen* als Individuen gesehen werden, die selbstständig entscheiden und handeln, anstatt sie einer Strafverfolgung auszusetzen.

Aus diesen Aspekten heraus zeigt sich deutlich, dass die Paragraphen 218 und 219 im Strafgesetzbuch nicht den Anforderungen einer modernen und emanzipierten Gesellschaft entsprechen.

Die Forderung nach der Streichung aus dem Gesetzestext ist allgegenwärtig, wie feministische Bewegungen bereits seit dem 20. Jahrhundert zeigten und auch heute weiterhin fordern.

Für den autonomen Befreiungskampf – Gegen die Paragraphen 218 und 219.

Kommt dazu am 16.06.2018 zur Demo gegen den sogenannten „Marsch für das Leben“ nach Annaberg – Buchholz, welcher von Abtreibungsgegner*innen mit engen Verknüpfungen zur z.B. AfD und CDU veranstaltet wird. Zeigt euch solidarisch und lasst uns gemeinsam für die Abschaffung der Paragraphen 218 und 219 StGB kämpfen!

Redebetrag zur Dritten Option

Seit dem 08.11.2017 ist jetzt auch ganz offiziell beim Staat angekommen: dass es mehr als zwei Geschlechter gibt. Wir als Gruppe für eine dritte Option beim Geschlechtseintrag haben dieses Verfahren auf einen Geschlechtseintrag als Inter*/divers* vor über vier Jahren angefangen und sind jetzt natürlich wahnsinnig glücklich über diesen großen Erfolg und die ganze Aufmerksamkeit, die es für Inter und Trans selten so gab. Bis Ende 2018 soll es nun ein neues Gesetz zum Personenstand geben, was endlich auch Intersexuelle, Transgender und nicht binäre Personen mitdenkt.

Dabei ist es wichtig jetzt weiter zu kämpfen. Damit es eine möglichst offene und selbstbestimmte Regelung vom Geschlechtseintrag gibt. Keine Medizin, keine Psychologe kann mir vorschreiben welches Geschlecht ich habe oder nicht – das weiß jede*r nur selbst am besten. Darum wollen wir einen dritten Eintrag für alle, die sich nicht oder nicht komplett als Mann oder Frau fühlen – und zwar ohne die Pflicht, sich irgendwelchen Gutachtern erst mal beweisen zu müssen.

Aber natürlich wissen wir alle, dass Geschlecht viel mehr ist, als nur das Kästchen auf dem Formular, wo neben Mann oder Frau hoffentlich bald auch Inter*/divers/Trans* steht. So viel in dieser Gesellschaft ist nach Geschlechtern getrennt – Sport – Toiletten – Kleidung; es gibt sogar immer mehr Spielzeug, das „nur für Mädchen“ oder „nur für Jungen“ vermarktet wird. Damit auch die ganz Kleinen schon wissen, wo sie hingehören. Es gibt also noch viel zu tun gegen dieses patriachale Zweigeschlechtersystem.

Immer noch ist es in Deutschland Realität, dass Kinder, deren Genitalien bei der Geburt nicht als männlich oder weiblich angesehen werden – ohne Zustimmung und oft mit nur schlechter Beratung der Eltern durch die Medizin – zwangsoperiert werden. Das sind OP´s, die keine medizinische Notwendigkeit haben, sondern einfach nur dazu da sind, das Genital an eine männliche oder weibliche Norm anzupassen. OP´s, die viele traumatisieren und die endlich verboten werden müssen.

Aber die Normierung fängt sogar noch früher an. Immer mehr Menschen entscheiden sich dazu, Embryos schon vor Geburt auf vermeintliche Abweichungen untersuchen zu lassen – dazu gehören auch bestimmte Formen der Intersexualität. Diese Untersuchungen machen Menschen, die ansonsten sicher sind, einen Kinderwunsch zu haben. Es geht hier nicht um das Recht auf Abtreibung, aus Gründen, die bei der schwangeren Person liegen – dieses Recht zu erkämpfen ist selbstverständlich immer noch notwendig. Aber hier geht es um Selektion von denjenigen, die nicht gut – nicht normal genug sind.

Wir haben diesen dritten Geschlechtseintrag also auch erkämpft, um zu zeigen: Intersex sein ist nichts, was korrigiert oder verhindert werden muss. Intersex sein ist nichts, was von Medizinern ungefragt „weg gemacht werden muss“. Intersex sein ist nichts, was Schwangere so sehr erschrecken sollte, dass Mensch lieber kein oder ein anderes Kind bekommt, als eins was vermeintlich nicht perfekt ist.

Es hat schon immer Menschen gegeben, die bezüglich ihrer Anatomie, ihrer Hormone oder ihrer Chromosonen nicht/nicht nur Mann oder Frau waren. Und das ist kein Fehler der Natur – sondern völlig ok.

Wenn wir also heute hier zusammen auf der Straße sind – lasst uns feiern – dass mit der dritten Option beim Geschlechtseintrag zumindest ein kleines Loch geschaffen wurde, in dieser starren und starken Wand des Zweigeschlechtersystems. Und lasst uns in Zeiten von gesellschaftlichem Rechtsruck weiter kämpfen gegen die, die andere Menschen selektieren, ausgrenzen und abwerten, weil sie nicht in ihr Weltbild passen. Bis alle frei sind!

weitere Infos unter: www.dritte-option.de

 

Redebeitrag „Keine mehr“ über Femizide

Feminizide sind als Kulmination patriarchaler Zustände zu verstehen. Feminizid ist der Mord an einer Frau, weil sie eine Frau ist. Das passiert auch in Deutschland. Die letzte BKA-Studie zeigt, dass in Deutschland alle 26 Stunden eine Frau versucht wird, von ihrem Partner oder Ex-Partner umgebracht zu werden. 131 Frauen wurden so 2015 ermordet. Die Zahlen lassen viele Fragen offen, wie beispielsweise nach jenen rund 350 Frauen, die im selben Jahr außerhalb von Partnerschaften als Opfer von Totschlag und Mord registriert wurden. Oder nach jenen Trans*frauen, die eventuell keine Personenstandsänderung vorgenommen hatten und daher offiziell noch als Männer aufgefasst wurden. Keine mehr!

Feminizide sind als Ausdruck einer Gesellschaft zu verstehen, die eine strukturelle Schlechterstellung von Frauen produziert. Mediale Sensationsmeldungen zu «Familientragödien», «Eifersuchtsdramen» oder «Ehrenmorden» verdecken die Alltäglichkeit der Gewalt ebenso wie mangelndes institutionelles Handeln, das aktuell auch im Prozess gegen den Mörder von Yeter zu beobachten ist, die 2016 von ihrem Ehemann mit Messerstichen ermordet wurde. Keine mehr!

An die Erfahrungen mit den Debatten und Mobilisierungen in Mexiko und Italien anschließend wollen wir in Deutschland unter der Losung „keine mehr“ zur Bewusstseinsbildung und Organisierung gegen Feminizide beitragen. Uns ist es ein Anliegen, die strukturellen Gründe in den Vordergrund zu stellen. Wie ist eine Gesellschaft beschaffen, die so viele gewaltbereite Männer hervorbringt und diese auch noch unterstützt? Das bedeutet, über Mitleid und Solidarität hinauszugehen und einen Kampf aus echter, eigener Betroffenheit zu entwickeln. Denn das patriarchale System, dessen drastische Zuspitzung die Vernichtung von Frauen ist, hat unterschiedliche Artikulationsweisen, die uns alle treffen. Wir wollen ihre zahlreichen und komplexen Bedingungen analysieren und möglichst verändern.

Wie ist das Strafgesetz momentan und wie kann es zum Schutz der Frauen verändert werden? Wie können Statistiken erarbeitet werden, die wirklich eine Aussage über die gesellschaftlichen Zusammenhänge von Gewalt ermöglichen? Wie kann eine mediale Berichterstattung aussehen, welche die alltägliche Gewalt nicht auf Personalisierung oder rassistische Zuschreibungen verschleiert, sondern versucht, die gesellschaftlichen Gesamtzusammenhänge zu verstehen? Welche Praktiken und Taktiken können wir von den bereits international geführten Kämpfen lernen und übernehmen?

Wir wissen, wenn es eine von uns trifft, trifft es uns alle. Keine ist allein. Deshalb sagen wir: Ni una menos! Keine mehr!

Ein Redebeitrag der Gruppe FRIDA zu feministischen Kämpfen von Kurdinnen*

108 Jahre ist es her, dass Clara Zetkin auf der zweiten internationalen sozialistischen Frauenkonferenz einen Frauentag forderte. Der internationale Charakter dieses Tages war zentral für die Forderungen der sozialistischen Frauen aller Länder.

Wir, die Gruppe Frida Leipzig, wollen daher heute zu unseren Freundinnen in den autonomen Regionen Syriens blicken, die momentan weltweit eine Vorreiterinnenrolle in der Frauenbefreiung einnehmen. Die kurdische Frauenbewegung führt einen bewaffneten Kampf gegen einen patriarchalen Vernichtungskrieg, angeleitet von der zweitgrößten Natoarmee, der Türkei. Das ist aber nicht alles. Der Widerstand, der viel schwieriger ist, den erkämpft die kurdische Frauenbewegung im alltäglichen Leben. Die Frauen dort führen jeden Tag und in allen Bereichen des Lebens einen Kampf gegen das Patriarchat. Sie kämpfen gegen die passive Frauenrolle in sich selbst und auch gegen das patriarchale Verhalten der eigenen Genossen. Die kurdische Frauenbewegung ist heute so weit gekommen in ihrem Kampf, weil die Frauen angefangen haben, sich autonom und selbstbestimmt als Frauen zu organisieren. Weil sie jetzt ihre eigenen Entscheidungen treffen und ihre eigenen autonomen Strukturen aufgebaut haben.

Was die kurdische Frauenbewegung auch auszeichnet, ist, dass sie ihre Errungenschaften auch auf die Gesellschaft übertragen hat. In der Föderation Nordsyrien Rojava baut sie inmitten eines Krieges ein demokratisches Gesellschaftsmodell auf, in dem die Frauenbefreiung ganz oben steht. Wie eine Gesellschaft ohne Patriarchat aussehen kann, wie sie funktionieren kann, wird im Frauendorf Jinwar praktisch versucht. Jinwar ist ein Dorf, das von Frauen aufgebaut wird, wo Frauen leben werden und gemeinschaftlich ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen und Regeln ohne den Einfluss des Patriarchats aufbauen. Es ist ein Versuch, eine Antwort auf die Fragen „Wie Leben? Was tun? Wo anfangen?“ zu finden.

Diesen Fragen nachzuspüren sollte auch unsere Aufgabe hier sein. Die kurdische Frauenbewegung kann und sollte dabei ein Orientierungspunkt in der Beantwortung sein.

Wie wollen wir leben? In dieser Frage kann das Frauendorf Jinwar vielleicht Antworten für uns finden, wie eine Gesellschaft ohne patriarchale Logik aussehen kann.

Wo sollen wir anfangen? Genauso wie die kurdische Frauenbewegung können wir damit anfangen, unsere eigene Geschichte anzuschauen und aus ihr zu lernen. In allen revolutionären Umbrüchen weltweit haben Frauen mitgekämpft. Leider gab es für sie am Ende nie die gleichen Rechte und letzten Endes sind sie immer wieder an den Herd verbannt worden.

Was können wir also tun? Was tun, um die selben Fehler nicht wieder zu machen? Wir müssen uns autonom organisieren, um unsere eigenen Forderungen durchzusetzen. Und unsere eigenen Werte und Prinzipien entwickeln, nach denen wir leben und kämpfen wollen. Unsere Freiheit wird uns niemand schenken, es liegt an uns selbst, Strategien und Methoden zu entwickeln, eine breite, feministische Bewegung aufzubauen, welche in alle Teile der Gesellschaft wirken kann. Wir brauchen eine autonome Frauenbewegung, welche patriarchalen Verhältnissen etwas entgegensetzen kann. Wir müssen die Solidarität unter uns stärken, uns vertrauen und an uns glauben. Wir brauchen Werte und Prinzipien, welche wir selbst bestimmen. Denn wir haben die Kraft dazu, für uns und für alle Frauen etwas zu bewegen.

Das patriarchale Herrschaftssystem erhält seine Macht durch Spaltung und Vereinzelung von Frauen aufrecht. Anstatt uns gegenseitig zu stärken, lernen wir, uns in Konkurrenz zueinander zu stellen, was uns jedoch an einer starken, gemeinsamen Organisierung hindert. Wir vertrauen und trauen uns zu wenig. Die Maßstäbe im politischen Kampf und im Alltag, an denen wir uns messen und an denen wir uns gegenseitig bewerten, orientieren sich immer noch viel zu oft an Männern. Bei unseren männlichen Genossen hingegen müssen wir uns in unserer politischen Arbeit ständig beweisen und doppelt anstrengen, um das gleiche Ansehen wie sie zu bekommen. Durch dieses Dilemma werden Frauen im politischen Kampf zu oft enttäuscht und verraten. Wir erwarten von unseren männlichen Genossen, dass sie uns wahrnehmen und ernst nehmen und sich mit unserem Kampf solidarisieren. Es liegt an ihnen, ihre Rolle darin zu erkennen und zu sehen, dass auch sie ihren Beitrag dazu leisten müssen.

Lasst uns also von der kurdischen Frauenbewegung lernen. Damit unser Kampf nicht vergessen wird, müssen wir uns autonom organisieren. Frauenkampf bleibt international!