11.3.18 Chemnitz

What the Fuck ist Solidarität?
von Rosa D.
8. Maerz 2018 in Spanien: „Hunderte Züge, U-Bahnen und Busse fuhren laut Verkehrsministerium nicht, die Müllabfuhr in Madrid funktionierte nur eingeschränkt. In Barcelona blockierten die Streikenden die wichtigsten Zufahrten. In den wichtigsten Radiosendern waren nur männliche Sprecher zu hören, die Redaktionsräume beim staatlichen Fernsehen blieben weitgehend leer. Auch
eines der beliebtesten Morgenprogramme auf einem Privatsender fiel aus: Die Moderatorin hatte sich ebenfalls dem Streik angeschlossen. Viele Schulen und Fakultäten an den Universitäten schlossen mangels Personal. […] Auch im spanischen Parlament sagten viele Politikerinnen ihre Termine ab.“ So, denke ich beim Lesen des Artikels, stelle ich mir eine konkret solidarische Praxis vor, auch wenn sie in dieser Form vielleicht nur einen Tag lang waehrte. – Sie lassen alles liegen, sie gehen los, sind gemeinsam wuetend und empoeren sich, formulieren ihre Forderungen, ihr Unbehagen, wollen mehr als das was ihnen die derzeitigen Verhaeltnisse zu bieten haben, viel mehr! – Eine Möglichkeit des Widerstands, die die Frauen* in den Gefängnissen so nicht haben, denke ich.- (Pause ) Oft hoere ich wie in linken Kreisen von Solidaritaet gesprochen oder dazu aufgerufen wird sich solidarisch zu zeigen, teilweise sogar „bedingungslos solidarisch“. Doch was verbirgt sich hinter diesem Aufruf der sich so verdammt wichtig und dringlich anhoert sowie aus gutem Grund in jedem zweiten Redebeitrag seinen Platz findet? Wie und wann zeigen und verhalten wir uns tatsaechlich solidarisch und mit wem? Wie koennen wir Solidaritaet in Zeiten und einer Gesellschaft der tendenziellen Vereinzelung und prekären, dauergestressten Lebensweisen gewaehrleisten? Wann und unter welchen Umstaenden wird Solidaritaet zu einer konkreten, dauerhaften emanzipatorischen Praxis? (P aus e) Seitdem ich 17 bin arbeite ich in den verschiedensten Betrieben, von Verpackungsfabrik ueber Gastro, Pflege, Callcenter oder Bildungsbereich. Leiharbeit, Teilzeit, Vollzeit, Minijob, mit Vertrag und ohne, nur fuer mich selbst sorgend und alleinerziehend. Seitdem habe ich in verschiedenen Politgruppen gesessen und diskutiert. Habe viel Einigkeit auf theoretischer, weniger Solidariaet auf praktischer Ebene erfahren und hatte immer wieder den Eindruck dass es in diesen Politgruppen viel um Selbstvergewisserung ging, welche nicht selten eine Frontenverhaertung vor allem anderen linken Gruppen gegenueber zur Folge hatte. (Paus e ) Solidarisch zeigen wir uns meist aufgrund von irgendwie gearteten
Gemeinsamkeiten. Häufig sind dies theoretische Überzeugungen, Erfahrungen, Betroffenheiten.
Manchmal koennen wir uns in akuten Situationen, auch kurzfristig, solidarisch zeigen. Doch was es meiner Ansicht nach braucht ist der konsequente Aufbau dauerhaft organisierter, solidarischer Netzwerke. Jene Frauen*, welche derzeit in den beschissenen Gefaengnissen dieser Welt sitzen, sind eingeschlossene Menschen, welche von dem Bereich in dem wir uns bewegen konsequent ausgeschlossen und abgetrennt werden. Jeglicher Transfer zwischen jenem eingeschlossenen Bereich, in den sie hineingezwungen wurden und der äußeren Welt, wird streng kontrolliert. Hierarchische Machtstrukturen, enorme Ausbeutung ihrer Arbeitskraft, Disziplinarverfahren bei Zuwiederhandlungen und Kontrolle jedes Lebensbereiches stehen auf der Tagesordnung und unter Ausschluss der Oeffentlichkeit, was es uns erschwert einen Eindruck von dem zu gewinnen was dort eigentlich tagtaeglich passiert. Dies widerum erschwert uns das Eingreifen und Mitmischen in die bestehenden, perfiden Strukturen. Doch genau an diesen Orten ist die Frage und Dringlichkeit nach Solidaritaet sowie des unbedingten Rechts auf basisdemokratische Organisation innerhalb des
Bestehenden groeßer denn je. Hilfeschreie aus den Gefaengnissen koennen oft nicht ohne weiteres gehoert werden, Stigamtisierungen seitens der Welt hier draussen erschweren Empathie und Empoerung. Als arbeitnehmende Person unter prekären Bedingungen habe ich vor einiger Zeit beschlossen mich in der Gewerkschaft iww (industrial workers world wide)zu organisieren. Eine
Gewerkschaft deren realpolitische, kurzfristige Ziele die Verbesserungen der unmittelbaren Arbeitsbedingungen im Hier und Jetzt sind. Diese Arbeitskaempfe, soviel ist klar, muessen und koennen jedoch nur mit einer antikapitalistischen, das heisst also auch feministischen Perspektive gefuehrt werden, denn Antikapitalismus heisst immer auch Feminismus! Die iwwinnergewerkschaftliche
Gruppe PAK – Patriarchat angreifen- bildet und organisiert sich gegen Sexismus am Arbeitsplatz. Etwas, womit die meisten von uns schon diverse Erfahrungen gemacht haben, so auch die Frauen* in den Gefängnissen. Ich bin dieser Gewerkschaft nicht beigetreten um ihr zu dienen oder weitere Mitglieder zum sofortigen Beitritt zu agitieren. Nein, vielmehr soll und sollte sie mir und meinen Kolleginnen* ein Werkzeug sein um uns am Arbeitsplatz gemeinsam organisieren zu lernen. Ein grundlegendes Recht nachdem wir nicht um Erlaubnis bitten! Nachdem kein Mensch um Erlaubnis bitten sollte muessen, auch in den Gefaengnissen nicht! Daher gilt es
nachwievor die Möglichkeit auf einen kollektiven Widerstand zu erstreiten! Dafuer braucht es Solidaritaet und den freien Zugang zu diversen Informationen, Bildungsmöglichkeiten um emanzipative Prozesse vorranzutreiben! Gemeinsam lernen wie wir mit unseren Ängsten umgehen, wie wir Forderungen stellen, strategisch direkte Aktionen starten um unser Recht auf sichere und menschenwuerdige Arbeitsbedingungen zu verteidigen! Lasst uns uns basisdemokratisch organisieren, ohne kapitalist. Buerokratieapparat, Mackertum und Fuehrungspersonen die es nicht braucht um progressive, radikale Politik zu machen! Lasst uns einander helfen und zusammen arbeiten gegen Spaltungs und Vereinzelungstendenzen! Mischt euch ein! Zweifelt! Stellt Fragen! Empört euch! Seid wuetend und mutig! Streitet! Streitet weiter! Organisiert euch!

In diesem Sinne,
„Lets take care of each other, so we can be dangerous together! – denn ein Angriff auf eine, ist
ein Angriff auf alle! Ni una menos!