Ausführlicher Aufruf

Feministischer Kampftag ist jeden Tag – solidarisch. divers. global.

Feminism is more than you think

Wir verstehen Feminismus als Vielfalt, als antirassistischen, antikapitalistischen und antisexistischen Kampf gegen Unterdrückung und für Freiräume.
In den Familien! In den Lehrkörpern! In den Institutionen! In den Köpfen! Im Alltag! Auf der Straße! Überall und jederzeit!
Für ein freies, selbstbestimmtes und gleichberechtigtes Leben aller Menschen.

Feminismus ist facettenreich und hat viele Gesichter. Das Sichtbarmachen von Ungleichbehandlung aufgrund des Geschlechtes und der Kampf gegen das Patriarchat sind vielleicht die kleinsten gemeinsamen Nenner, die daraus gezogenen Konsequenzen und Befreiungsstrategien jedoch extrem unterschiedlich.
Historisch gesehen, findet man die Anfänge von feministischen Bestrebungen in den Frauenbewegungen, die u.A. für ein Recht auf Wahlen, Bildung und Arbeit kämpften. Heutige feministische Strömungen schließen auch Menschen mit ein, die sich als männlich sehen und die sich nicht in die konstruierten Kategorien “Frau” und “Mann” stecken lassen wollen oder können.

Es gilt gegen die Unterdrückungsmechanismen, zu kämpfen, welchen vor allen Frauen* aber auch alle anderen Menschen weltweit auf unterschiedlichsten Weisen tagtäglich ausgeliefert sind. Diese bauen auf sozialen Konstruktionen, wie Geschlecht, Identität, Nationalität, Sexualität, Religion, Alter, ökonomischer Status oder Aussehen auf. Oft erfolgt eine Diskriminierung durch mehrere solcher Konstrukte gleichzeitig. Das hat zur Folge, dass die einzelnen Unterdrückungskonstrukte nicht getrennt voneinander betrachtet werden können. Unser Selbstverständnis von Feminismus ist deshalb intersektional.
Es reicht nicht, ein T-Shirt mit feministischem Aufdruck bei kapitalistischen Modeketten (wie H&M, Primark oder Monki) zu kaufen, wenn es vorrangig von Frauen und Mädchen unter furchtbaren Bedingungen genäht wurde. Es reicht nicht, sich als Feminist*in zu betiteln und dennoch Grenzen nicht zu beachten. Und es reicht nicht, sich als Feminist*in zu verstehen, ohne zu sehen, dass die Einteilung in Mann und Frau nicht zureichend ist und Unterdrückung verstärkt.
Uns geht es auch darum, das gesellschaftliche Normverständnis von einem Zweigeschlechtersystem zu durchbrechen. Es gibt mehr als zwei Geschlechtsidentitäten und eine Sexualität.
Das gesellschaftliche Konstrukt der Heteronormativität beurteilt Menschen nur nach ihrem Äußeren und steckt sie in eine der beiden vorhandenen Kategorien und den dazugehörigen Rollenbildern.
Dieser Kampftag soll alle einschließen, für die, die Gleichbehandlung von Menschen selbstverständlich ist, die einschränkende und diskriminierende Normierungen und die konstruierten Machtverhältnisse nicht länger hinnehmen wollen.

Feminismus ist vielfältig und so unterschiedlich, wie die Menschen, die sich dafür eingesetzt haben, einsetzen und in Zukunft einsetzen werden.
Der 8.März wird allgemein als Frauentag betitelt – uns reicht das nicht mehr. Wir sind nicht nur Frauen und wir müssen uns dem Patriarchat gemeinsam kämpferisch gegenüberstellen! Und genau deshalb organisieren wir den „feministischen Kampftag 2o18!

Feminismus bedeutet Herrschaftskritik. Es gibt kaum ein Gebiet, indem nicht patriarchale Normverständnisse vorherrschen. Deshalb sind die Themen, die der Feminismus anprangert so vielfältig. Wir haben die Schwerpunkte des diesjährigen FKT aus einem aktuellen Bezug und diverser Debatten gewählt. Dabei ist uns bewusst, dass diese keinesfalls einen Anspruch auf Vollständigkeit haben.

you create your family

2017 haben wir in D zwei wichtige institutionelle Meilensteine erlebt: Erstens die längst überfällige Ehe für alle. Die Entscheidung hatte nicht nur Symbolcharakter, sondern spielt hier für gleichgeschlechtliche Paare das Adoptionsrecht bei der Familienplanung eine wichtige Rolle und wurde nun formal und vor allem bürokratisch enorm erleichtert. Die Ehe für alle gilt seit Dezember 2017 zudem auch für Menschen, die sich nicht den Kategorien männlich/weiblich zuordnen lassen – nachdem gerichtlich entschieden wurde, die „Dritte Option“ des Geschlechts in den Pass eintragen lassen zu dürfen. Dieser Schritt war besonders wichtig, um auf die Gleichstellung aller Personen, auch derer, die nicht ins traditionell-patriarchale heteronormative, binäre System pressen lassen, hinzuarbeiten. Traditionell-geschlechterhierarische Familienstrukturen mit konservativen Wertevorstellungen müssen trotzdem weiter aktiv demontiert werden, um Raum, Anerkennung und Ideen für zeitgemäße Familienkonstellationen und emanzipierte Lebensumwelten für Kinder und Jugendliche zu schaffen, die sich ohne rosa/hellblaue Verkleidung als kritische Individuen entwickeln dürfen. In den meisten Beziehungen und Familien liegt dennoch die Verantwortung für Verhütung und die Reproduktionsarbeit nach einer Schwangerschaft bei Frauen*, deren Rolle sich hierbei oft entlang der neoliberalen Selbstoptimierungsideologie auf die betonte Vereinbarkeit von Beruf und Familie reduziert. Unbezahlte Care-Arbeit lässt vor allem Alleinerziehende (zu 91% Frauen*), aber auch manche Unverheiratete und Selbstständige durchs Raster der auf traditionellen Konzepten basierenden Familienförderung fallen, womit ihnen auch die Grundlage für weitere gesellschaftliche und politische Teilhabe über das Familienleben hinaus massiv erschwert wird. Besonders in linken, sich als emanzipatorisch verstehenden Räumen muss die Akzeptanz und gleichberechtigte Teilhabe von Familien Element eines feministischen Selbstverständnisses sein, um eine bürgerliche
Retraditionalisierung der Individuen durch unkritische Elternschaft zu vermeiden.

keep the goverment out of my uterus

Frauen*, die einen Schwangerschaftsabbruch durchführen lassen, werden nicht nur von der Gesellschaft abgewertet und stigmatisiert, sondern auch vom Staat. Schwangerschaftsabbrüche sind in Deutschland faktisch illegal (§218 StGB)! Nur unter bestimmten Voraussetzungen (§218a StGB) ist der Eingriff erlaubt, allerdings mit erheblichen Hürden für die Frauen*. Den Umstand der ungewollten Schwangerschaft können betroffene Frauen* somit auf der einen Seite als Wertkonflikt, auf der anderen Seite als Macht- bzw. Informationskonflikt wahrnehmen. Der Wertkonflikt äußert sich häufig durch das Zusammenspiel von eigenen Bedürfnissen und Lebensvorstellungen sowie gesellschaftlichen Erwartungen. Der Macht- und Informationskonflikt hingegen wird durch Pflichtberatungen, Wartezeiten und unzureichenden Informationen zum Abbruch sichtbar. Schwangere Frauen*, bei denen keine soziale Indikation vorliegt, müssen an einer gesetzlich vorgeschriebenen Beratung teilnehmen. Der “Schutz des ungeborenen Lebens” steht allerdings hierbei im Fokus und Frauen* sollen „ermutigt“ werden, die Schwangerschaft fortzuführen. Die Berater*innen sind jedoch verpflichtet, den Beratungsschein auszustellen! Der Abbruch kann lediglich in den ersten 12 Wochen vorgenommen werden, sowie drei Tage nach der Pflichtberatung. Es wird deutlich, dass die Paragraphen 218 und 219 im Strafgesetzbuch nicht den Anforderungen einer modernen und emanzipierten Gesellschaft entsprechen, sondern Frauen* lediglich ihre Autonomie abgesprochen wird.

Das aktuelle Beispiel der Gießener Gynäkologin Kristina Hänel, die verurteilt wurde, da sie auf ihrer Homepage über Schwangerschaftsabbrüche als Leistung informierte, zeigt die Tragweite des §219a StGB. Sie hatte auf ihrer Website alle Dienstleistungen, die ihre Praxis bietet, aufgeführt – dazu gehören auch Schwangerschaftsabbrüche. Daraufhin wurde sie angezeigt und zu einer Geldstrafe verurteilt. Der Vorwurf: Sie habe für Abbrüche geworben. Solche Anzeigen sind keine Einzelfälle: vor allem christliche Fundamentalist*innen suchen aktiv nach Informationen, die als Werbung für diesen Eingriff interpretiert werden können. Sie fordern ein Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen, ohne zu beachten, dass Frauen* Abbrüche dennoch durchführen würden – bei vollständiger Illegalisierung jedoch unter Lebensgefahr.
Wie jedes Jahr veranstalten Abtreibungsgegner*innen, mit engen Verknüpfungen zu z.B. AfD und CDU, den sogenannten “Marsch für das Leben” unter anderem durch Annaberg-Buchholz. Informiert euch und kommt auch zur Gegendemo! Am 16.06.2018 nach Annaberg – es wird eine gemeinsame Busanreise aus Leipzig geben. Zeigt euch solidarisch und lasst uns gemeinsam für die Abschaffung der Paragrafen 218 und 219 StGB kämpfen!
Abortion is a human right – keep the government out of my uterus!

sexwork is work!

Besonders im feministischen Diskurs unterliegt sexwork immer wieder kontroversen Diskussionen. Deutlich wird dabei, dass Sexarbeiter*innen auch in vermeintlich linken Räumen Objektivierung und gesellschaftlichen Stigmata unterworfen werden. Sexarbeit ist ein Feld mit vielen Facetten, die divers betrachtet werden müssen. Selbstverständlich lehnen wir Zwangsprostitution und Menschenhandel ab. Andererseits müssen Sexarbeiter*innen in ihren Rechten als Lohnarbeitende gestärkt werden. Mit dem Inkrafttreten des sogenannten Prostituiertenschutzgesetzes im letzten Jahr ist es uns ein besonderes Anliegen, Sexarbeiter*innen zu unterstützen und die gestärkte Machtstellung von Institutionen und Behörden zu benennen. Sexwork ist Arbeit und die zunehmende Illegalisierung, behördliche Kontrollen und Repressionen verstärken das Risiko von Zwangskontexten und nehmen ihnen die Selbstbestimmung.
Weiteres unter: sexarbeit-ist-arbeit.de

only yes means yes

Aktuelle Diskussionen, wie die „#metoo-Debatte“ zeigen, wie wichtig es ist, die patriarchalen Machtstrukturen und deren Folgen für jede* und alle aufzuzeigen und zu durchbrechen. #metoo ist viel mehr als eine bloße Debatte – sondern hat gezeigt, dass viele Menschen und besonders Frauen* alltäglich sexualisierter Gewalt auf verschiedensten Ebenen ausgesetzt sind. Nicht nur in einer Gesellschaft, in der ein Hashtag solch enorme Resonanz erfährt, ist die Auseinandersetzung mit sexualisierter Gewalt unabdingbar – sondern global.
Auch in sich, als emanzipatorisch verstehenden Kreisen lassen sich frauen*verachtendes Verhalten und sexualisierte Gewalt finden. Patriarchalische Machtstrukturen äußern sich häufig in den intimsten Beziehungen – egal wie das politische Selbstverständnis ist. Sich und sein Umfeld in dieser Hinsicht zu reflektieren, heißt mehr, als Bücher zu lesen, auf Demos zu gehen und zu gendern. Ein kritischer Blick ist unabdingbar. Denn das Private ist politisch!
Die unzähligen Gewalterfahrungen und das häufige Schweigen darüber zeigen das institutionelle Versagen beim Umgang mit frauen*verachtendem Handeln und Denken. Dem gilt es entschlossen entgegen zutreten und Aufklärung zu leisten.
Frauen*, die mehr verdienen als ihre Männer, sind besonders häufig von sexualisierter Gewalt durch ihren Partner betroffen. Dieses Risiko steigt, wenn der gewalttätige Mann seinen Job verliert. Auch bei der #MeToo-Diskussion zeigt sich, dass Frauen*, die an Macht gewinnen, häufig zum Ziel von sexualisierter Belästigung oder Gewalt werden. Das Hauptmotiv dahinter ist die Annahme, Frauen* besitzen zu können. Die Objektivierung von Frauen*, also die Wahrnehmung von Frauen* als Sache (zB. Statussymbol, Haushaltskraft, Sexobjekt) schürt dieses Besitzdenken und damit die Annahme, frei über sie verfügen zu dürfen.
Der härteste Ausdruck von Gewalt gegen Frauen ist der Femizid. Femizid bedeutet, dass Frauen getötet werden, weil sie Frauen sind. Zum Beispiel Mord durch den Partner, so genannte Ehrenmorde oder Vergewaltigung mit Todesfolge. Raubmord etwa gilt nicht als Femizid. Tötungen von Frauen durch (Ex-)Partner bilden dabei häufig die Spitze einer Gewalteskalation und jahrelanger Gewalt in der Beziehung. Eine Frau* zu töten oder zu verletzen ist darüber hinaus immer auch eine Form der Machtäußerung. Beides gehört untrennbar zusammen und bedingt sich gegenseitig. Es ist einfacher, über eine Sache Macht auszuüben, als über einen Menschen. Demnach ist es einfacher, das Opfer als Sache wahrzunehmen, um Macht auszuüben. Diese verzerrte Wahrnehmung führt dazu, dass nicht Einzelpersonen, sondern das Kollektiv der Frauen* von Mord bedroht ist. Der gesellschaftliche Umgang mit Femiziden trägt zu dieser Wahrnehmung bei und charakterisiert sie. Medial erfolgt oft ein sogenanntes „Victimblaming“, in dem das Opfer der Gewalttat beschuldigt wird: Phrasen wie, „Ihr Rock war zu kurz“, „Ihr Verhalten provozierte ihn“, oder „Sie wollte Ihn verlassen“, sind typische Atikelüberschriften, die das zugrunde liegende System füttern. Häufig findet zudem eine Bagatellisierung von Femiziden statt, in dem sie z. B. als „Familiendrama“ dargestellt werden. Anders verhält es sich beim „Ehrenmord“, der oft für politische Instrumentalisierung genutzt wird, um bestimmte Communities zu diffamieren. Der Femizid wird auch hier nicht als solcher wahrgenommen oder gar benannt. Es gibt in Deutschland keine statistischen Erhebungen zu Femiziden. Es werden nur Tötungsdelikte in Partnerschaften und deren Versuch statistisch erfasst. 2016 wurden 158 Frauen durch ihren (Ex-)Partner getötet und 211 Frauen wurden Opfer von versuchten Tötungsdelikten. Demnach gibt es allein in Partnerschaften täglich einen Mord oder einen Mordversuch an einer Frau. Bei diesen erschreckenden Zahlen sind bspw. Körperverletzungen mit Todesfolge in Partnerschaften nicht einmal mit erfasst.
Geschechtsspezifische Morde finden weltweit statt. Dies ist der Grund, weshalb die Bewegung Ni una menos (In Deutschland #Keine mehr), die in Argentinien ihren Anfang fand, international aufgegriffen wurde. Es ist uns ein besonderes Anliegen auf Femizide aufmerksam zumachen. Es ist wichtig, diese besonders ausgeprägte Form der Gewalt sichtbar zu machen, zu benennen und ein Bewusstsein dafür zu schaffen – vor allem für ihre Ursachen und Mechanismen. Für eine Welt in der Frauen* nicht länger objektiviert werden.

Wir sind überzeugt, dass diese Demonstration eine gute Gelegenheit ist, um auf diese und andere Missstände aufmerksam zu machen und feministische Inhalte auf die Straße zu bringen.
Seid kämpferisch, laut und solidarisch.
Kommt zur Demo und zu den Veranstaltungen rund um den FKT!
Feminismus geht uns alle an!

Wir wünschen uns eine starke, geschlossene, lautstarke Demo ohne National-, Partei- und Gewerkschaftsflaggen.